365 Tage als Drehbuchautor: The Good, the Bad & the Money

365 Tage. Astronomisch betrachtet die Dauer, die die Erde einmal um die Sonne benötigt. Subjektiv betrachtet dagegen der Zeitraum meiner Selbstständigkeit als freier Drehbuchautor und Redakteur, die im September 2017 ihren Anfang nahm. Ein Jahr voller Höhen und Tiefen und mit bahnbrechenden Erkenntnissen wie: Im Pimmelbingo ist Filmdeutschland nach wie vor Weltspitze, im Fördern von Writers’ Rooms weniger.

Ich wurde die letzten Wochen öfters danach gefragt, wie es denn so läuft, beziehungsweise erzeugte die Bekanntgabe des Drehbuchstipendiums für mein Serienkonzept „Sternenkinder“ viel positive Anteilnahme und Erwartungen der Marke "Cool, läuft bei dir!". Das Stipendium ist neben der Nominierung für den Deutschen Animationsdrehbuchpreis im Frühling sicherlich einer der Höhepunkte meiner bisherigen Laufbahn, aber das sind natürlich nur ausgewählte und seltene Highlights. Die Dinge, die man gerne mit Menschen oder über soziale Netzwerke teilt, während man sich die alltäglichen Ups & Downs für das stille Kämmerlein oder den Psychiater aufhebt. Aber warum nicht einmal ehrlich über die ganze Bandbreite schreiben, womit sich ein Nachwuchsautor in Deutschland konfrontiert sieht, wenn er den Sprung ins tiefe Wasser wagt? Ein Versuch ist es wert.

 

Ein Rückblick in fünf Akten:

  • AKT 1: Es war einmal
  • AKT 2: Die ersten 12 Monate
  • AKT 3: Davon nicht leben können
  • AKT 4: Status Quo
  • AKT 5: Mein 12-Punkte-Plan für 2019

AKT 1: Es war einmal

Im Mai 2017 fasste ich die Entscheidung, meinen sicheren Hafen als leitender Online- und Videoredakteur bei der UFA Fiction nach knapp vier Jahren zu verlassen. Mein Praktikum bei der UFA absolvierte ich 2011 und war seitdem mit den drei berühmten Buchstaben verbandelt. Irgendetwas scheine ich in der Zeit richtig gemacht zu haben, wenn man von schwarz tragenden Kollegen im Trauermarsch und mit Andrea Bocelli verabschiedet wird und mit einem Zeugnis von Nico Hofmann in der Tasche das Unternehmen verlässt. Dennoch gab es genügend Gründe für meinen Weggang, doch nur einen, der für mich wirklich zählte: Ich wollte mehr! Mehr schreiben, mehr Herausforderung, wieder mehr kreative Verantwortung. Zugegeben: Ursprünglich visierte ich ein Teilzeitmodell innerhalb der UFA an, um ein sicheres Standbein zu bewahren, auch mit Hinblick auf eine zukünftige Familienplanung. Aber man(n) brachte mir dafür wenig Verständnis entgegen. Männer in Teilzeit, das geht nun wirklich nicht. Also ging ich, um mein eigenes Teilzeitmodell zu verwirklichen. Ich schreibe seit ich denken kann, aber vor allem seit meinem Filmstudium anno 2007. Zwar konnte ich während meiner Zeit als UFA-Redakteur verstärkt im konzeptionellen Bereich agieren und Scripts für Webserien schreiben (zB. für "Die Spezialisten" oder "Ein Starkes Team"), was jedoch meist nur an seltenen, ruhigen Tagen der Fall war. Also begab ich mich in die Freiheit, ganz nach der Devise: Lieber scheitern als bereuen! Alles gut überlegt und dennoch völlig ahnungslos.

Abschied von der UFA
Abschied von der UFA

1. September 2017: Da saß ich also in meinem frisch bezogenen Mini-Atelier im Rechenzentrum Potsdam und starrte an die leere Korkwand. Ich haderte mit mir und meiner Entscheidung, bestürzt von meinem Mut/Übermut/Leichtsinn, die Sicherheit eines unbefristete Arbeitsverhältnisses in einem der weltweit größten Medienkonzerne aufzugeben für…ja, wofür denn eigentlich? Um ehrlich zu sein, ich hatte es für einen kurzen Moment vergessen, was eine mittlere Krise zur Folge hatte. Meine Freundin und eine flauschige Kaninchenoma holten mich aber wieder aus meinem Tief heraus (Fun Fact: Kaninchen sind überaus empathische Wesen und eignen sich ausgezeichnet als Trostspender!). Ich merkte, dass diese Veränderung mich mehr mitnahm als gedacht. Wenn man Jahre lang in einem zusammengeschweissten Team arbeitete und sich gemeinsam dem alltäglichen Medienwahnsinn stellte, kann ein stiller, isolierter, weißer Raum einiges in einem auslösen. Vor allem wird einem bewusst, wie wenig man an Unternehmen, aber wie sehr man an Menschen hängen kann.

AKT 2: Die ersten 12 Monate

Nach der "Und was jetzt? Ich werde nie wieder einen Job finden!!!!!“-Panik, stürzte ich mich umso mehr in die Mission „Gründung“. Was folgte, war zunächst eine steile Lernkurve, die ich Dank der Unterstützung des Lotsendienstes Potsdam und der mir zur Seite gestellten Gründungsberaterin Meike Kerstin meisterte. Gemeinsam wurde über den Zeitraum von zwei Monaten ein Businessplan erarbeitet, unzählige Ämter besucht, diverse Hände geschüttelt etc popo. Die staubtrockenen Details erspare ich euch. Wenn sich tatsächlich Menschen dafür interessieren sollten - etwa wie ein Businessplan für Drehbuchautoren aussehen kann, wieviel Sitzfleisch man für einen KSK-Antragsprozess mitbringen sollte, ob sich ILB-Mikrokredite für Autoren eignen o.ä., der/die melde sich gerne bei mir. Wer sich schlauer anstellt als ich, kann auch in den Genuss eines Gründungszuschuss von der Bundesagentur für Arbeit kommen.

 

Ab dem 1. Januar 2018 war ich schließlich offiziell Freiberufler und durfte nun auch Rechnungen ausstellen. Frage war nur: Wem? Und wofür? Dazu kommen wir gleich. Denn natürlich begann ich nicht erst im Januar mit der Schreibarbeit. Parallel zu den mühsamen, administrativen Schritten standen bereits die ersten Projekte an. Ich bewarb mich Ende August mit dem Filmkonzept "Windwheel" (Animationsfilm, Family/Adventure) bei der Akademie für Kindermedien (kurz: AKM) und konnte mich unverhofft für die Vorauswahl qualifizieren. Das führte dazu, dass ich im Oktober nach Erfurt eingeladen wurde, um einen einwöchigen Auswahlprozess zu durchlaufen, den ich gerne scherzhaft aber keinesfalls zufällig als „Germany's Next Top Model für Autor_Innen“ beschreibe. Aus ca. 100 Bewerbern und Bewerberinnen wurden 20 nach Erfurt eingeladen, aus denen am Ende 12 Stipendiat_Innen ausgewählt wurden. Achtung Spoiler: Ich wurde tatsächlich neben elf anderen auserkoren, um von November bis Juni ein recht intensives Stoffentwicklungs- und Weiterbildungsprogramm zu durchlaufen. (Fun Fact #2: Die 12 Stipendiaten setzten sich aus neun Frauen und drei Männern zusammen, eine Situation, die ich bislang in der Filmbranche nicht kannte, sich aber in der Zusammenarbeit als ungemein positive Erfahrung herausstellte).

 

Mit der AKM eröffneten sich mir nicht nur spannende Networkingmöglichkeiten mit Filmemachern und Senderredaktionen, auch half mir die dramaturgische Betreuung sowohl in der Entwicklung des Projekts als auch meiner persönlichen als Autor. Die Erfahrung in einem Quasi-Writers' Room zu arbeiten, war ungemein lehrreich. Insbesondere möchte ich aber das Schulprojekt hervorheben, was mich und mein Filmprojekt mit der Zielgruppe konfrontierte, was die inspirierendste und zugleich herausforderndste Erfahrung meiner bisherigen Autorenlaufbahn darstellt. Einen kurzen Erfahrungsbericht dazu habe ich hier verfasst.

 

Im Juni 18 fand die AKM schließlich in Erfurt ihren Abschluss, wo wir im Rahmen des "Goldener Spatz"-Kinderfilmfestivals unsere Projekte pitchten. Offiziell in einem Kinosaal voller Produzenten, Redakteuren und Verlegern, inoffiziell wohl eher vor maximal zwei Dutzend Branchenleuten und wesentlich mehr Freunden und Interessierten. Was nicht so tragisch war, weil in diesem Fall tatsächlich der Weg das Ziel war.

Der Jahrgang 17/18 der Akademie für Kindermedien nach dem Pitching.
Der Jahrgang 17/18 der Akademie für Kindermedien nach dem Pitching.

Es folgte ein Seriendramaturgie Seminar, den ich drei Wochen lang bei der GZSZ-Produzentin Petra Kolle sowie Chefautorin Dominique Moro absolvieren konnte. Es war zwar kaum mehr als ein Dippen des großen Zehs in den Arbeitsalltag eines Storylinedepartments, aber das hatte gereicht, um mir höchsten Respekt vor Daily-Storylinern und ihrer Arbeit abzuringen! An dieser Stelle herzlichen Dank nochmals an Thea Wulff, ihres Zeichens Kommunikationschefin, Naturgewalt und das Gewissen der UFA, die mir das Seminar auch als "abtrünniges" Kind ermöglichte. 

 

Ebenfalls noch im August 17 ergab sich, dass eine Serienidee, die ich quasi als letzte Amtshandlung noch spontan beim UFA Creation Day pitchte, den zweiten Preis für sich verbuchen und die Gunst von mir sehr geschätzten Produzentinnen gewinnen konnte. "Soko SM", so der Titel des Crime/Dramedy-Konzeptes, hat nun offiziell einen Entwicklungsauftrag der UFA Fiction in der Tasche. Wie und wann es genau weiter geht ist allerdings noch ungewiss.  

 

Im März dieses Jahres ereignete sich der bisherige Höhepunkt meiner ersten 365 Tage: "Skyscraper" wurde für den Deutschen Animationsdrehbuchpreis 2018 nominiert. Das Langfilmdrehbuch entstand bereits vor einigen Jahren in Zusammenarbeit mit Gregor Vogt und schlummerte lange in unserer Schublade bis ein spanischer Produzent über Umwege darauf stieß. Einige Monate später verlief der Kontakt mit dem Produzenten zwar im Sand, aber sein Input führte dazu, dass wir das Buch nochmals überarbeiteten. Sein Feedback war typisch produzentisch: Weniger Figuren, weniger Settings, weniger Dynamics. Kurz: „Make it cheaper!“ So geschah, dass ein 90-seitiges Drehbuch um 15 Seiten gekürzt wurde, was sicherlich - so ehrlich muss man sein - zur Nominierung beitrug. Wieder Spoileralarm: Wir haben nicht gewonnen, sondern mussten uns gegen eine Neuverfilmung von "Peterchens Mondfahrt" geschlagen geben, das kurz nach der Nominierung direkt in Produktion ging. Doch die Nominierung allein öffnete uns diverse Türen, so dass das Script nun bei mehreren Produzenten auf dem Tisch liegt. Zudem gab uns der Erfolg neuen Auftrieb, um direkt mit einem Nachfolgeprojekt zu starten. Aktueller Arbeitstitel: "Alaska".

 

Last but not least: Wie eingangs erwähnt, erhielt ich jüngst die Zusage für ein Drehbuchstipendium für "Sternenkinder" (eine historische Drama-Miniserie mit Zeitreiseelementen, die den heutigen Rechtspopulismus den Geschehnissen in den 1930er-Jahren gegenüberstellt), vergeben vom literarischen Colloquium Berlin in Zusammenarbeit mit der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (SDPZ). Kurz bevor ich die Zusage für das Stipendium erhielt, pitchte ich das Projekt zwei Produzenten der Bavaria Fiction im Zuge eines Nachwuchsworkshops veranstaltet vom "Verband Deutscher Drehbuchautoren". Wie erwartet, polarisierte das Projekt erheblich. Während dem einen das Thema zu heiß und der Umgang damit zu gewagt war (O-Ton: "So ein Stoff würde er niemals anfassen."), stieß das Konzept bei dem anderen auf Anhieb auf Interesse, weil der Ansatz für ihn neu und mutig war, im Geiste vieler moderner Dramaserien. Beim Workshop erhielt ich von Autoren- als auch Produzentenseite zahlreiche Ratschläge, die mir dabei helfen bis Ende November ein vollständiges Konzept zu erarbeiten. Fun Fact #3: Von den knapp 20 Workshop-Teilnehmern waren gerade mal zwei männlich.

AKT 3: Davon nicht Leben können

Gründungsförderung, Nominierungen, Stipendien, Projekte in Entwicklung, Ruhm und Ehre. Es läuft bei mir, so der generelle Eindruck. Wäre da nicht ein kleiner, existenzieller Haken: Ich habe in diesen ersten 12 Monaten noch keinen einzigen Euro mit dem Schreiben fiktionaler Stoffe verdient. Punkt. Und bei aller Liebe für die Kunst, letzten Endes müssen auch Winnie Pooh-Fanboys und Alpaka-Enthusiasten wie ich Miete zahlen. Warum ich also noch nicht unter der Brücke schlafen muss, dazu komme ich gleich. Zunächst ein paar Worte über die möglichen Gründe, die dazu führten:

  1. Einerseits sicherlich, weil ich es mir erlaubt habe, eigene Projekte relativ lange vor zu entwickeln bevor ich damit hausieren ging, was ich bislang nicht bereut habe. Alle Projekte, die so entstanden sind ("Skyscraper", "Sternenkinder" und "Windwheel"), stießen mittlerweile auch außerhalb meiner Autorenblase auf Interesse und gingen ihre ersten eigenen Schritte.
  2. Andererseits, weil ich als Noname-Autor noch an der Teflonschicht der deutschen Medienbranche abpralle. Bei Gesprächen über potentielle Aufträge (von Co-Autorenjobs für Webserien, Animationsprojekte oder TV-Serien bis hin zu Script Revisionen) hörte ich bislang ausschließlich Sätze wie „als unverfilmter Autor kommst du leider nicht in Frage" oder "wir suchen Autoren, die ein Standing bei Redaktion XY mitbringen“. Es ist der klassische Teufelskreislauf. Ohne Standing kein Job, ohne Job kein Standing.
  3. Als Autor steht man nicht selten am unteren Ende der Nahrungskette. Es gibt Produzenten, die bekunden großes Interesse, wollen sich aber erst zum Projekt bekennen, wenn man auf eigene Kosten ein nach ihren Wünschen umgeschriebenes Treatment oder Drehbuch vorlegt. Die Spanier waren bei "Skyscraper" so ein Fall, wo Gregor und ich uns entschieden haben die Reißleine zu ziehen.
  4. Netzwerken: Ich bin der geborene Teamplayer, aber Networking gehört nicht zu meinen Stärken (womit ich dem typischen Autorenklischee entspreche, yay...). Entsprechend schwer tue ich mich beim Verkauf meiner Wenigkeit, entsprechend ausbaufähig sind noch meine Skills und Kontakte. Aber ich arbeite dran.

Dazu einige Anmerkungen und Anekdoten:

Deutsche Produzenten beklagten in den Medien den Mangel an „guten Drehbuchautoren" in Deutschland. Das ist natürlich eine Aussage, die Aufsehen erregt, insbesondere in (Nachwuchs-) Autorenkreisen. Mittlerweile ließ ich mir erklären, was damit gemeint ist. So beziehen sie sich weniger auf Handwerk oder Kreativität, sondern viel mehr auf Branchenerfahrungen im Umgang mit Redaktionen und deutschen Formaten. Ich erlaube mir mal, die Aussage der Produzenten mit eigenen Worten zu interpretieren: "Es fehlen in Deutschland genügend Autor_Innen, die die Nachfrage der Sender nach konventionellen Formaten decken können, dabei fließend redaktionisch sprechen und alle (beide) Genres, die in deutschen Fernsehen vertreten sind, blind beherrschen." Meine Meinung und konstruktive Lösungsvorschläge aus Nachwuchssicht zu diesem Thema habe ich an dieser Stelle gebloggt.

 

Durch die AKM, dem VDD-Workshop, Festivalbesuche und Autorenstammtische wurde mir erst bewusst, wie hoch die Zahl an Nachwuchsautor_Innen wirklich ist, die trotz zahlreicher Nachwuchspreise und jahrelanger Erfahrung in Deutschland immer noch unverfilmt herumkrebsen müssen. Der Altersbereich liegt zwischen Ende 20 bis Open End, die seit Jahren versuchen in der Branche Fuß zu fassen. Dabei liegt die Betonung auf "Innen", denn wie bereits angedeutet, habe ich in den letzten Monaten wesentlich mehr weibliche als männliche Autoren kennen lernen dürfen, was vermutlich kein Zufall sein wird. Ganz unter uns, die besten Stoffe und Pitches, die ich in dieser Zeit lesen und hören durfte, stammten mehrheitlich aus weiblicher Hand. Bezüglich der Definition "Nachwuchs" gilt man hierzulande solange als Greenhorn, solange man nicht 2-3 verfilmte Werke vorweisen kann, egal wie viele Jahre Erfahrung man auch mitbringt. Was übrigens auch bei vielen Drehbuchausschreibungen, Förderprogrammen und Wettbewerben Voraussetzung ist.

 

Beispiel "Soko SM": Die Idee hatte ich der UFA gepitcht als ich noch im Angestelltenverhältnis war und somit übertrug ich mit meinem Pitch automatisch die Rechte dem Unternehmen. Quasi mein inoffizielles Abschiedsgeschenk. Ich signalisierte damals, dass ich gerne in irgendeiner Form beteiligt wäre, wenn es weitergehen sollte. Denn natürlich war mir bewusst, dass die Entwicklung einer solchen Serie keinem unerfahrenen Autoren anvertraut wird. Und das ist ok für mich. Ich sehe das Projekt als Chance, um Erfahrungen zu sammeln und das Bein etwas tiefer in die Tür zu bekommen und nicht als mein heiliges Baby. Denn solche Chancen - bei Produktionen als Jungschreiberling Erfahrung sammeln zu können - sind rar gesät. Mittlerweile wurde ein Autor mit mehr Standing gefunden und ich bin zuversichtlich (und naiv) genug, dass das Produzententeam, mit dem ich mich gut verstehe, ein Plätzchen für mich finden wird.

Was die Stipendien betrifft: Diese sind für mich und meine Entwicklung als Autor unschätzbar, finanziell gesehen aber bislang ein Minusgeschäft. Die Akademie für Kindermedien wird zwar von Ländern und Bund gefördert, kostet jedoch die Stipendiat_Innen trotzdem noch eine Stange Geld. Alle Kosten zusammengerechnet (Teilnahmegebühren von 1550€ plus Reise- und Verpflegungskosten über ein halbes Jahr verteilt) ergaben bei mir am Ende knapp 2000€. Das "Sternenkinder"-Stipendium dagegen bringt mir zwar etwas Geld ein, rechnet man aber Reise- und Aufenthaltskosten des Recherchetrips nach Polen mit und die AKM gegen, bleibt am Ende noch eine dicke Minus übrig. Solche Erfolge muss man sich also erstmal leisten können.

 

Womit wir beim Thema wären: Wie verdient Orlindo eigentlich sein Geld? Gute Frage, simple Antwort: Ich arbeite wie bereits erwähnt auch als freier (Video-) Redakteur für verschiedene Kunden. Interessanterweise in den letzten Monaten auch wieder verstärkt für die unterschiedlichen UFA-Units. Jüngst als Trailercutter für GZSZ. So sieht man einige Lieblingskollegen doch noch ab und an, hat aber trotzdem genügend Freiraum und Energie für's Schreiben. Im Frühling hatte sich zudem die Mühe ausgezahlt, die ich in den Businessplan investierte: Der beantragte Mikrokredit der ILB wurde bewilligt, was Investitionen in Atelier, Technik und Nahrung möglich machte. Die Betonung liegt dabei auf "Kredit", der in absehbarer Zeit wieder zurückgezahlt werden will. 

 

Das Einkommen reicht, um über die Runden zu kommen, aber an eine private Altersvorsorge ist noch lange nicht zu denken. Ähnlich sieht es bei meiner Freundin aus, die selbst den Gang in die Selbstständigkeit wagte. Mittelfristig müssen wir überlegen, ob Berlin/Brandenburg die richtige Heimat für uns darstellt. Ich konnte in den letzten Monaten einige Gespräche mit Förderreferent_Innen anderer Bundesländer führen, die für ihre autorenfreundlichen Programme warben. In dieser Hinsicht ist BB sicherlich ein Mekka für alle Produzenten und Til Schweigers, aus (Nachwuchs-) Autorensicht jedoch nicht unbedingt der einfachste Standort.

AKT 4 - Was die Zukunft bringt

Ich habe in den vergangenen Monaten von verschiedenen Personen den identischen Ratschlag bekommen: Achte als Autor darauf, dass du mindestens zehn Projekte in unterschiedlichen Töpfen am Köcheln hast, damit am Ende mindestens eines davon dir dein Kühlschranklicht finanziert. Keine neue, aber sehr wahre Weisheit. Ich benutze bewusst den Begriff „Projekt“ und nicht „Stoff“, da ich zu meinem jetzigen Zeitpunkt auch Festivals, Wettbewerbe oder Weiterbildungen dazu zähle, die sich zwar nicht unmittelbar monetär auszahlen, aber mir langfristig behilflich sind, als Autor zu wachsen. Ich versuche am Ende dieses überlangen Rückblicks eine kurze Übersicht zu vermitteln, mit welchen Maßnahmen ich die kommenden 12 Monate versuchen will, beide Beine samt Hintern in die Tür zu bekommen. Denn eines steht fest: Aufgeben is nich!

 

Parallel gibt es aber noch das Projekt „Krimi“. Kriminalfilme/-Serien/-Reihen/-whatever sind bekanntlich das Rückgrat der deutschen TV-Ödlandschaft. Nicht falsch verstehen: Ich weiß einen guten Krimi sehr wohl zu schätzen. Kürzlich begeisterte mich beispielsweise der jüngste Schweizer Tatort, der in einem einzigen Take gedreht wurde. Oder ausgewählte "Soko Leipzig" und "Soko München" Folgen. Oder besondere Crimeformate aus dem Ausland wie "Die Brücke", "iZombie", "True Detective" etc. Aber ob nun ausgerechnet die betagte, Ur-deutsche Krimiformel bis zum heutigen Tag 75% der TV-Programmplätze belegen muss (Quelle), möchte ich als Thirtysomething zumindest leise anzweifeln dürfen. Nichtsdestotrotz wäre es vermessen in Deutschland als Autor arbeiten zu wollen, ohne das Muttergenre zu würdigen und zu bedienen. Glücklicherweise stamme ich aus DER Krimihochburg Deutschlands. Wenn man bei der UFA um etwas nicht herum kommt, dann Krimi. Also nutze ich meine Möglichkeiten und übe anhand der Formate, die ich ohnehin fast blind kenne (wie etwa die Sokos, "Die Spezialisten" oder "Ein Starkes Team"), studiere eifrig 45er und 90er Krimibögen und warte auf den Tag, bis ein Produzent zu mir sagt: Ok, awe me with your german krimi skills.

Es war ein ereignisreiches, erstes Jahr. Tatsächlich bin ich rückblickend erstaunt über die Entschlossenheit, die ich mit meiner Kündigung an den Tag legte. Schließlich startete ich ins sprichwörtliche, azurblaue Nichts. Ohne konkrete Projekte, ohne das irgendwas von dem, was seit dem geschah, abzusehen gewesen wäre, nur angetrieben von Idealismus und einem starken Selbstverwirklichungsdrang. Das allein garantiert aber kein Erfolg und erst recht kein Einkommen, aber es motiviert und hilft beim Überwinden von Ängsten, was vielleicht nicht die schlechteste Ausgangslage für meine Existenzgründung war. Es fühlt sich richtig an, auch wenn ich aktuell kaum länger als sechs Monate planen kann und Zweifel einem nie ganz los lassen. Aber das ist Teil des Spiels. Solange mein Bauchgefühl stimmt und die Zahl der Personen steigt, die meine Texte aus beruflichem Interesse lesen, solange glaube ich, mich auf einem guten Weg zu befinden. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Drehbuchvertrag.

 

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich der Branche sagen: Nachwuchsförderung sollte stärker in den realen Branchenalltag eingebunden werden. Deutsches, fiktionales Fernsehen wird bis heute mehrheitlich von einsamen Autorenwölfen, maximal im Duett geschrieben. Writers' Rooms sind nach wie vor eine Seltenheit. Hier ließe sich ansetzen, um eine neue Autorengeneration nah an den Bedürfnissen der Branche zu fördern, ohne Unsummen an Mehrkosten zu verursachen. Und wenn wir gerade bei Wünsch-Dir-Was sind: Meine bisherigen Erfahrungen und mein Gefühl sagen mir, dass von gut gemischten, diversen Schreibteams und vom Diskurs der Geschlechter auf Augenhöhe nicht bloß die hiesigen Geschichten, sondern die ganze Branche enorm profitieren würde. Für reaktionäres Pimmelbingo gehe ich vor die Tür oder schalte "Mad Men" ein, hat aber in der Stoffentwicklung von heute nichts verloren.


AKT 5: Mein 12-Punkte-Plan

Keine Ahnung, ob dieser Rückblick ein reiner Egoerguss darstellt oder er vielleicht doch auch anderen nützt. Spätestens in einem Jahr werde ich es wissen, wenn ich wieder auf die vergangene Sonnenumrundung zurück blicken und meinen 12-Punkteplan für 2019 auf den Prüfstand stellen werde, der wie folgt aussieht.

  1. "Windwheel" (Animationsfilm, Family/Fantasy): Kürzlich erreichte mich eine Anfrage aus Frankreich, um das Filmkonzept bei Cartoon Springboard in Valenciennes vor europäischen Animationsproduzenten zu pitchen. Ende Oktober entscheidet sich, ob es klappt. Wäre in puncto Networking ein immenser Push. Parallel treffe ich mich aktuell mit verschiedenen Indieentwicklern, um ein Videospielumsetzung zu erwägen.
  2. "Sternenkinder" (Miniserie, Historical Drama/SciFi): Im November bin ich mit Hilfe des Stipendiums auf Recherchereise in Krakau, um bis Ende November eine vollständige, erste Fassung des Serienkonzepts anzufertigen. Erste Gespräche darüber hinaus sowie die Suche nach einer Co-Autorin laufen.
  3. "Soko SM" (Serie, Crime/Dramedy): Siehe oben.
  4. "Aktion Dornröschen" (Spielfilm, Political Dramedy/Heist): Ein Herzensprojekt über meine Heimat Liechtenstein. Geht Ende Oktober in die Treatmentförderungsrunde. Story: Die irrwitzige aber wahre Geschichte, wie 12 mutige Frauen dem letzten Staat Europas mitten in den 1980er-Jahren doch noch zum Frauenwahlrecht verhalfen. Suche nach einer ortsansässigen Co-Autorin läuft.
  5. "Skyscraper" (Animationsfilm, Family/Comedy): Das Drehbuch liegt seit der Nominierung auf verschiedenen Produzentenschreibtischen und wird von Gregor und mir auch bei Cartoon Springboard eingereicht.
  6. "Undine Unterwasser" (Kinderserie, Fantasy/Coming-Of-Age): Begann als Kurzfilmidee, wird nun von mir zur Kinderanimationsserie vorentwickelt. „Die kleine Meerjungfrau“ trifft auf "Heidi" als traurig-schöne Geistergeschichte im Herzen Europas für 8-10 Jährige. 
  7. DeutschesFernsehKrimiFestival 2019: Ein Drehbuchwettbewerb für Nachwuchsautoren. Wieder von der Sorte "nur Ruhm und Ehre", aber mit der Chance auf neue Kontakte und vor Fachpublikum zu pitchen.
  8. "Körperwelten" (Spielfilm, Dramedy/Roadmovie): Ein weiteres Herzensprojekt, das ich seit einigen Jahren mit mir herumtrage. "Little Miss Sunshine" trifft auf Alfred Hitchcocks tote Großmutter auf der Spree. Sollten Florian David Fitz und Bryan Fuller je einen Film zusammen machen, dann wäre das ihr Stoff!
  9. Berlinale Talents 2019: Bewerbung ging im September raus, ein Versuch ist es wert, im Dezember weiß ich mehr. Würde meine Networkingskills auf jeden Fall massiv erweitern.
  10. Bewerbung KIKA: Sie suchten eine_n Redakter_in in Teilzeit für Fiktion. Als langjähriger KIKA-Fan musste ich es einfach probieren. Es gäbe Schlimmeres als nach Erfurt ziehen zu müssen.
  11. Drehbuchwerkstatt München: Meine Bewerbung für den Jahrgang 19/20 geht im Januar raus, Beginn wäre im Juli. Wäre optimal, um die eigenen Fähigkeiten zu schärfen und das Netzwerk zu erweitern. Als Autor lernt man schließlich nie aus.
  12. Agentur: Last but not least. Man riet mir mehrfach, ich solle mir eine Agentur suchen. Gefühlt ist es noch zu früh, aber Anfang 2019 werde ich einige ausgesuchte und mir empfohlene Agenturen anschreiben und dann sehen wir weiter.
  13. Weitere Vorschläge, Tipps oder Meinungen zum Rückblick könnt ihr gerne in die Kommentare schreiben oder direkt an orlindofrick(at)gmail.com. Und solltet ihr wirklich bis hierhin durchgehalten haben, dann Chapeau!

Bildquellen

Alle Bilder (c) Orlindo Frick, mit freundlicher Erlaubnis der abgebildeten Personen

Ausnahme: Titelbild und AKM-Gruppenbild, allgemeines Nutzungsrecht erteilt durch Erek Kühn (AKM), mit freundlicher Erlaubnis der abgebildeten Personen

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Kommentare: 2
  • #1

    Doro (Donnerstag, 04 Oktober 2018 19:09)

    Guter Text. Hat viel Wahres. Auch nach mittlerweile 17 Jahren als freie Autorin kann ich immer noch nicht verschmerzen, dass wunderbar tolle Projekte zwar gefördert werden, aber dann niemand da ist, der sie realisieren will wegen angeblich fehlendem Markt.

  • #2

    Frankie (Freitag, 05 Oktober 2018 00:13)

    Locker geschrieben, habe durchgehalten. Ich liebe Seitenhiebe speziell auf die stehengebliebene deutsche Fernsehlandschaft. Wünsche dir viel Erfolg, hast ja einiges am Start.